
Ein „Haus des Herrn“ im Vollsinn des Wortes schuf König Salomo mit dem Tempel in Jerusalem. Dieses bis heute legendäre und für die Geschichte des Volkes Israel
so zentrale symbolische Bauwerk wurde – so berichten es die Chroniken – mit allem nur denkbaren „pomp and circumstances“ der damaligen Zeit eingeweiht.
Doch dieser als besonders heilig verehrte Tempel in Jerusalem, mitsamt der im Allerheiligsten von den goldenen Cherubim beschirmten Bundeslade (dem „Gnadenthron Gottes“
als dem geglaubten Ort der physischen Gegenwart Gottes), sollte dann zuerst von den Babyloniern und später dann – nach seinem nachexilischen Wiederaufbau und
prunkvollen Ausbau unter Herodes – von den Römern endgültig zerstört werden. So, wie es auch Jesus einst prophezeite: „Siehst du diese großen Bauten? Hier wird
nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde.“ (Mk. 13, 2 par.)
Jedes Haus Gottes stellt uns vor die Frage: Wo wohnt Gott denn nun, wenn er bei uns ist? Blicken wir heutzutage – in vergleichbarer und analoger Weise – in unsere
deutschen und europäischen Innenstädte, dann erblicken wir nicht nur zunehmend entleerte Gotteshäuser, sondern auch zerfallene und z. T. auf geradezu blasphemisch
anmutende Art entwidmete Kirchen: Wo einst jahrhundertelang gebetet und Gott gelobt worden ist, herrscht heute postmodernes „Tohuwabohu“!
Die Antwort auf die zentrale theologische Frage, wo Gott Wohnung nimmt auf Erden, kann daher nur lauten: Die „Häuser Gottes“ der Weltgeschichte bieten dem allmächtigen
Gott offenbar keine dauerhafte Stadt. Es sind deshalb nicht die Orte oder prächtigen Bauwerke selbst und schon gar nicht unsere eitlen menschlichen Kultinszenierungen,
die von sich aus schon heilig wären, sondern allein der Geist Gottes, der sich in der lebendig anbetenden Gemeinde und so auch in unseren Herzen Raum und Bleibe
schafft.
Wo wir in Demut, Lobgesang und Gebet mit reinem Herzen, fröhlicher Zuversicht und liebevollem Blick für unsere Nächsten in seinem Namen zusammenkommen und vor ihn treten
– ob nun allein, zu zweit, zu dritt oder zu Tausenden, ob nun mit ganz großem Orchester oder in andächtig-versunkener Stille -, da ist er mitten unter uns!
Pastor Christian Meißner